Seit 5 Jahren stand auf meiner Löffelliste 1), die jährlich
von Knut Jäger, dem Inhaber der Harzer Gleitschirmschule, organisierte
Deutschlandtour mitzufliegen: Mit dem Wind eine Woche per Motorschirm soweit die
Flügel tragen!
Aber immer kam etwas dazwischen. Dieses Jahr sollte es
endlich soweit sein. Das Wichtigste vorweg: Die Tour war gekennzeichnet durch
fast ideales Wetter. Nach Ankunft in Bad Harzburg ging es direkt zum nahen
Startplatz in Stapelburg um alles für den Start am nächsten Tag
vorzubereiten. Wegen des starken Windes wurde der Tourbeginn auf den Nachmittag
verschoben. Endlich starteten alle 7 (5 Teilnehmer und Knut Jäger mit seinem
Fluglehrer Hupsi) in kürzester Zeit Richtung Osten mit Ziel Zerbst. Es
ging bis auf 1300 m und mit dem Wind zügig voran, südlich an Magdeburg vorbei.
Nach Überflug der Elbe wurden wir urplötzlich kräftig von Thermik
durchgeschüttelt. Es dauerte 10 Minuten und der Spuk fand ein Ende. Nach etwas
mehr als 100 km kam der ehemalige Militärflugplatz in Sicht. Einem Teilnehmer
ging 12 km vor dem Platz bereits das Benzin aus. Aber aus 1.500 m Höhe
erreichte er das Ziel mit Rückenwind problemlos im Gleitflug. Über dem Platz
war es so thermisch das man Mühe hatte runter zu kommen. Nachdem wir im
Wohnmobil die Fußball WM verfolgt hatten zogen wir uns ohne großen Jubel in
die Zelte zurück.

Am nächsten Morgen starteten wir früh Richtung Flugplatz "Altes
Lager", südlich von Berlin gelegen. Ebenfalls ein ehemaliger riesiger
Militärflugplatz mit langer Geschichte. Beim Landeanflug auf die endlos
erscheinende Piste bot sich uns die Optik aus dem Cockpit eines Airliners. Aber
als wir unter 1.000 m sanken wurden wir durch starken Wind und Thermik gebeutelt
und uns war schnell klar das wir doch zu den ganz Kleinen gehören. Die Landung
geriet etwas grenzwertig, zeitweise flogen wir rückwärts, aber Mensch und
Material erlitten keinen Schaden. Der Wind nahm so an Stärke zu das an den
Weiterflug am Abend nicht zu denken war. So übernachteten wir in der Unterkunft
der Drachenflieger Berlin e. V. in einem frühren Militärgebäude direkt hinter
einem der zahllosen Shelter.
Am nächsten Morgen starten wir in aller Frühe großspurig
von der Landebahn Richtung Siewisch, nicht mehr weit von der polnischen
Grenze entfernt und unserem östlichsten Flug- und Landeplatz. Nördlich unserer
Route glitzert die Cargolifter-Halle. Leider reichen die Benzinvorräte (der
anderen) nicht für einen Abstecher dorthin. In Siewisch tanken wir, ruhen uns
aus und bewundern die Flugkünste eines Modellhubschrauberpiloten.

Als abends der Wind nachlässt starten wir mit Kurs auf Großenhain.
Anfangs ist es sehr thermisch. Der Staub den zwei Trecker auf dem Feld
aufwirbeln steigt im spitzen Winkel gen Himmel. Wir fliegen vorbei an
Industriegebieten, Tagebaulöchern, über Tagebaubaggern und der
Sachsenring-Rennstrecke. In Großenhain erwartet uns erneut eine Landebahn von
der ganz großen Sorte. Wieder ein ehemaliger Militärplatz. Neben der Landebahn
schlagen wir ein und unsere Zelte auf. Junikäfer überfallen uns am Abend zu
hunderten. Nach Sonnenuntergang lassen uns die Fliegerkollegen dann endlich in
Ruhe.
Am nächsten morgen starten wir wieder in aller Frühe mit
Ziel Flugplatz Böhlen. Als wir bei Riesa die Elbe überqueren liegt
links von uns das ehemalige Gut meiner Großeltern. Zufall das wir hier vorbei
kommen. Im Hintergrund ist die Kirche von Meißen zu sehen. Aufgrund der
verwandtschaftlichen Beziehungen kenne ich die Gegend recht gut. Vor Jahren bin
ich hier mehrmals vom Flugplatz Riesa aus gestartet und über die Hofanlage
geflogen. Wir flattern über wassergefüllte ehemalige Tagebaugebiete. Der
Grasplatz Böhlen, diesmal klein und bescheiden wie wir es gewohnt sind, liegt
nahe eines dampfenden Kraftwerkes südlich von Leipzig.

Wir tanken mal wieder auf und fliegen gleich weiter nach Laucha.
Der Landeanflug erfolgt über die imposanten Gebäude aus den 40er Jahren in
denen die Reichssegelflugschule untergebracht war. 300 Flugschüler wurden hier
seinerzeit ausgebildet. Sicher mit dem Hintergedanken das es nicht beim
Segelfliegen bleibt. Der jetzige Inhaber der Segelflugschule beeindruckte uns
mit seinen Kunstflugfiguren. Er arbeitet seit 10 Jahren daran die historische
Stätte wieder mit Leben zu erfüllen. Wir krochen in dem historischen
Flugzeughangar in unsere Schlafsäcke. Um 4.oo war aber Schluss mit Schlafen da
die Segler zum Sonnenaufgangsflug herausgerollt wurden.
Folge: Wir waren bereits um 5.oo mit der aufgehenden Sonne im
Rücken in der Luft mit Kurs auf Ballenstedt nahe dem Weltkulturerbe
Quedlinburg, dem Austragungsplatz der diesjährigen Motorschirmmeisterschaft.
Wieder müssen wir auftanken und starten wie so oft bei null Wind mit 11 Litern
im Tank Richtung Stapelburg, unserem Startplatz und Ausgangspunkt vor 5
Tagen. Die Route führt uns direkt über die historische Altstadt von
Quedlinburg. Auf der Autobahn unter uns erkennen wir unser Begleitfahrzeug.
Diesmal ist es ausnahmsweise schneller als wir. Im Westen zieht es sich schon
leicht grau zusammen als wir im Formationsflug mit dem Brocken im Hintergrund in
Stapelburg landen. Geschafft: Fast 600 km in 5 Tagen! Eine tolle Tour mit
intensiven und bleibenden Eindrücken! Und endlich kann wieder eine Position auf
der Löffelliste als erledigt gestrichen werden. - Klaus Göhring -