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Ölüdeniz 1998

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Flieger- und Familienurlaub in Ölüdeniz / Türkei

 

Jeder, der nicht nur einen Gleitschirm oder Drachen, sondern auch eine Familie sein Eigen nennt, kennt die Diskussionen, wenn die Urlaubsplanung für den nächsten Sommer ansteht.

Sonne und Strand, möglichst flach ins Meer abfallend, damit die Kids auch Spaß haben, sind angesagt und bloß nicht schon wieder in die Berge. Entspannung und Erholung für die ganze Familie bedeutet vor allem: mit dem Vater am Boden. Die Frage, die sich dem fliegenden Teil der Familie stellt lautet dann aber: wie soll ich mich, ohne fliegen zu können, erholen ?

Daher stand auch ich Anfang '98 mal wieder vor dieser Frage: Familien- oder eigener Seelenfrieden ? Also erst einmal ab ins Reisebüro und Kataloge besorgt. Es sollte warm sein, 14 Tage Sonne pur, gutes Hotel direkt am Strand, keine 12-Stunden-Reise und auch noch finanzierbar. Übrig blieb Griechenland, Spanien, Italien und die Türkei. Nach dem Studium von Bildern und vor allem den Teilen, die nicht im Text der Hotelbeschreibungen standen, kristallisierte sich die Türkei immer stärker heraus. Und wie der Zufall es will, stieß ich auf einige Hotels in Ölüdeniz. Die Bilder von der Bucht ließen mich in den sehr kalten Januartagen bei uns von Sonne und Meer träumen. Was mich jedoch noch mehr faszinierte, war der Berg im Hintergrund und der Name desselben: Babadag. Den hatte ich schon häufiger gehört und gleich fielen mir Berichte von Gleitschirmpiloten zu phantastischen Flugerlebnissen ein. Ich kramte meine alten Fliegerzeitschriften heraus und da war er: Vater Berg (auf türkisch Babadag). Ich las alle Berichte noch einmal sehr genau durch und sofort stand für mich fest, dort machen wir im Sommer Urlaub. Nun mußte nur noch die Familie überzeugt werden. Da dies weniger problematisch war als ich zunächst erwartet hatte (es lag wohl daran, daß meine Frau nur noch Blicke für die Bilder von der Bucht hatte), buchten wir bereits am nächsten Tag unseren Urlaub. Jetzt hieß es nur noch warten.

Jedem, der es hören wollte (oder auch nur so tat) erzählte ich in den kommenden Monaten von der geplanten Reise und machte in unserem Verein mächtig Werbung. Nicht ganz ohne Erfolg. Denn 14 Tage vorher meldeten sich Martin und Andrea, die sich kurzfristig auch für Ölüdeniz entschieden hatten. Kein Problem, meinte das Reisebüro und buchte sie auf den selben Flügen und im selben Hotel, dem Belcekiz Beach Club.

Am 29. Juni flogen wir um 6:00 Uhr morgens ab Frankfurt. Das war zwar sehr früh, hatte aber den Vorteil, daß wir nach etwa 4 Stunden Flug und gut einer Stunde Fahrt mit einem klimatisierten Kleinbus noch vor Mittag in Ölüdeniz ankamen. Koffer aufs Zimmer, Badesachen raus und erst einmal in den Pool. Bei fast 40o Celsius und ohne Akklimatisierung das einzig wahre. Schon auf der Fahrt zum Hotel hatten wir die ersten Gleitschirme in der Luft gesehen und jetzt am Pool mußten Martin und ich mich kräftig zurückhalten, um nicht gleich mit unseren Tüten und dem nächsten Truck auf den Berg zu fahren. In den 6 Stunden bis zum Abendessen sind wohl an die 100 Gleitschirme über uns hinweg zum Strand geflogen, um dort weich zu landen. Der nichtfliegende Anhang (Janina (14), Kerstin (10), meine Frau Brigitte und Andrea) waren ebenfalls beeindruckt, wohl mehr von der Hotelanlage und dem Strand. Aber das sollte Martin und mir auch recht sein.

Am selben Abend erkundigten wir uns noch nach den Mitfahrgelegenheiten. Alle Teams (das sind die professionellen Tandempiloten, die mit eigenen Trucks und jeweils 6-8 Piloten + Gäste zu den Startplätzen fahren) boten uns einen Platz an. Die Preise variierten, die einen wollten 1 Mio. türkische Lira, die anderen gar 2 Mio. Dazu kommt noch die Forstnutzungsgebühr von 2 Mio. pro Auffahrt. Wir entschieden uns für das Team Easy Riders und zahlten zusammen 3 Mio. türkische Lira, was etwa DM 23,-- entspricht.

Am nächsten Morgen war zunächst ausschlafen angesagt, dann ein ausgiebiges Frühstück vom sehr reichhaltigen Buffet und anschließend die Packsäcke geholt. Pünktlich 11:00 Uhr waren wir an der Strandpromenade bei Denis, dem Chef vom Easy Rider-Team. Die Kommunikation war überhaupt kein Problem, da alle ein gutes Englisch und einige sogar sehr brauchbares Deutsch sprechen. Schirme auf das Dach des Trucks und Platz genommen auf der Ladefläche des Pickups, wo sich längs eingebaut Sitzbänke auf beiden Seiten befinden. Hier passen 12 Personen rein, die Tandempiloten hängen entweder außen am Wagen oder liegen oben auf den Packsäcken. Ich habe Trucks mit mehr als 20 Personen beladen gesehen, die immer noch mühelos den teils steilen Weg nach oben befuhren.

Die Auffahrt wird nach 10 Minuten unterbrochen, da der Fahrer die Forstnutzungsgebühr an einer Art Mautstelle für die Passagiere bezahlen muß. Danach geht es über einen staubigen Weg weiter nach oben. Nach ca. 50 Minuten Gesamtfahrtzeit erreichen wir den ersten Startplatz auf ca. 1700m über MSL. Dieser ist nach Süd ausgerichtet. Ein Tandempilot kontrolliert den Wind, schüttelt den Kopf und weiter geht es nach oben. Vorbei an dem 1800m-Startplatz (Nord) nach ganz oben auf etwa 1950m. Hier paßt der Wind auf dem ebenfalls nach Nord ausgerichteten Startplatz. Abladen und Tandempassagiere in Fliegerkombis gepackt ist fast eins und braucht höchstens 2 Minuten. Dann werden auch schon die ersten Galaxies (Tandemschirm von Edel) von unserem Fahrer ausgelegt. Pilot und Passagier sind nun schon im Gurtzeug und hängen sich in den Schirm ein. Keine 5 Minuten nach unserer Ankunft startet das erste Tandemgespann. Weitere 5 Minuten später sind alle Tandems in der Luft. Martin und ich können das Geschehene kaum glauben, aber da wir es in den nächsten Tagen noch viele Male beobachten konnten, sind wir heute sicher, daß es keine Sinnestäuschung war. Etwa 5 Solo-Piloten sind noch am Startplatz, darunter ein paar Russen und ein Türke. Wir beobachten zunächst nur und holen uns schon in der ersten halben Stunde auf dem Berg unseren Sonnenbrand. Obwohl die Sonne hier gnadenlos brennt, haben wir unsere Fliegerkombis angezogen. Bei einem 20er Wind und etwa 10o wird einem in kurzen Hosen und T-Shirt schnell kalt. Dann hält es uns nicht mehr und wir legen auch aus. Mein fast brandneuer Astral scheint laut aufzuschreien, als ich ihn vorsichtig auf den rauhen Steinen ausbreite. Leinen sortieren und darauf achten, daß nicht allzuviele Steine auf ihnen liegen bringt den Vorteil, daß der Schirm beim Starten nicht hängenbleibt. Rückwärtsstart ist angesagt und ich lupfe den mittlerweile nicht mehr ganz so roten Astral einige Male, bis ich sicher bin, daß er lose aufliegt. Die Russen stehen daneben und schauen mir ungläubig zu. Ich bin nicht sicher, ob sie das erste Mal einen Rückwärtsstart sehen, oder ob sie überhaupt das erste Mal einen Soloschirm starten sehen. Später erfahren wir, daß mindestens zwei von ihnen ihren allerersten Flug mit dem Gleitschirm hier gemacht haben. Mut oder Wahnsinn. Wohl doch eher Wahnsinn, da sie ja nicht wußten, was sie auf dem Flug erwartet.

Mein Start ist problemlos, der 2. Schritt schon in der Luft. Wenige Sekunden später habe ich meine Sicherheitshöhe und setze mich ins Gurtzeug. Zurück an den Hang und soaren, das Vario schlägt an, jedoch nicht lange. Ich fliege weiter, da ich beobachtet habe, wie die Tandempiloten an einer bestimmten Stelle schnell Höhe gewannen. An dieser fast angekommen erkenne ich nun, daß es sich um einen Kamin im felsigen Grad handelt. Aus meinen Segelfliegertagen weiß ich um die thermischen Kräfte, die solche markanten Einbuchtungen in Felsen verursachen. Aber zu spät, mein Flug wird hier unterbrochen, zumindest was die Vorwärtsfahrt angeht. Mein Astral bleibt stehen, ich pendel nach vorne und wieder zurück, der Astral wagt sich ein Stück weiter in den Aufwind (kann man Aufsturm sagen, wenn es mehr als 10m/s Steigen hat ?) und wird jäh nach oben gerissen. Ich folge ihm ohne große Alternativen, schaue nach oben, er winkt mir zu, indem er mir seine rechte äußere Schirmseite zeigt. Damit will er mir andeuten, daß wir nun eine Kurve nach rechts fliegen. Wieder folge ich ihm und bin Sekunden später beeindruckt, wie zielsicher mein Schirm den Ausweg aus diesem Aufwind findet. Nach einem weiteren Blick in die Kappe und der Feststellung, daß mein Schirm die Höflichkeiten eingestellt hat, übernehme ich wieder

die Kontrolle und lenke uns von dem Grad weg. Ich entschließe mich nach dieser ersten Begegnung mit den Kräften des Babadags zu einem ruhigen Gleitflug und willig folgt mir mein Astral. Diesen genießen wir noch etwa 30 Minuten und landen das erste Mal an einem Strand, genauer gesagt auf dem Strand. Später lerne ich auch, auf der Promenade zu landen, was die Anzahl der Sandteilchen in der Kappe deutlich verringert. Auspellen ist angesagt, weil hier unten immer noch 40o herrschen. 20 Meter weiter lege ich meinen Schirm auf einer Wiese direkt vor dem Hoteleingang zusammen, als Martin mit seinem Mistral einschwebt. Die üblichen Sprüche nach so einem Flug erspare ich dem Leser. Aber beide haben wir nun doch ein wenig mehr Respekt vor dem, was uns wohl auch in den nächsten Tagen dort oben erwarten wird.

Nach dem reichhaltigen und guten Abendessen im Hotel (wir haben Halbpension gebucht) promenieren wir in der lauen Abendluft vorbei an den Shops der einzelnen Tandemteams, berichten von unserem Erlebnis, erzeugen mitleidiges Lächeln und ich ernte neben einigen kräftigen Schulterklopfern den Spitznamen "Crashpilot", warum, weiß ich bis heute nicht. Orkut, einer der professionellen, gibt mir den Rat, es doch mal morgens früh oder später abends zu versuchen. Dies scheint Sinn zu machen. Neben diesen Tips und einem Platz in einem Truck am nächsten Morgen haben wir an diesem Abend auch eine Menge netter Kerle kennengelernt. Selig gehen wir in unsere klimatisierten und komfortabel eingerichteten Zimmer ins Hotel zurück und können uns jetzt schon wieder auf den nächsten Flugtag freuen.

Der Rest ist kurz erzählt. Wir flogen nun überwiegend in den Zeiten, wo die Bedingungen am Babadag moderater waren und wir somit noch wunderschöne Flüge hatten. Startüberhöhung war jederzeit möglich, wenn man es denn wollte. Wir haben dann noch andere Stellen entdeckt, wo es rauf ging und zivile Steigwerte von bis zu 4m/s erreicht werden konnten. Der Vorteil an den frühen Flügen ist der, daß man die Landung am Strand zeitgleich mit dem Frühstücksende des Restes der Familie legen kann, so daß einem seligen und faulem Tag am Pool nichts mehr in Weg steht. Völlig relaxt sahen wir den einschwebenden Gleitschirmen zu und tranken dabei genüßlich an unserem extra kalten Eistee. Martin wurde an einigen Tagen dann doch noch mal unruhig und ging am Abend ein zweites Mal auf den Berg, was aber dem Frieden am Pool keinen Abbruch tat. Mit unseren fliegerischen Leistungen zufrieden verzichteten wir sogar auf einen Flugtag und gingen lieber tauchen, in dem klaren Wasser der Ägäis ein wirklicher Genuß.

Nach 14 Tagen in Ölüdeniz kann zusammenfassend folgendes gesagt werden:

Unser Hotel, das Belcekiz Beach Club, mit seinem sehr aufmerksamen und freundlichen Personal ist wahrscheinlich nur durch erheblich höhere Investitionen zu schlagen. Die unaufdringliche und doch interessante Animation ist für die Nichtflieger genau richtig. Das Essen ist klasse, obwohl ich das nächste Mal nur mit Frühstück buchen würde, um auch die einheimische Küche noch mehr genießen zu können.

Der Flugberg Babadag mit seinen drei Startplätzen läßt das Herz eines jeden Piloten höher schlagen. Mittlerweile hat man sogar mit sehr großem Aufwand die Startplätze mit Mutterboden aufgefüllt und Gras angesät. Es bleibt nun abzuwarten, ob hier im nächsten Jahr tatsächlich Wiesenstartplätze zu finden sind. Aber auch nur der weiche Boden selbst schützt schon die Leinen und das Tuch. Fliegerisch bietet der Babadag für alle Bedürfnisse etwas, einzig den Anfängern oder Wenigfliegern sei das Fliegen unter Lehreraufsicht empfohlen.

Die Menschen, und vor allem die Piloten, die wir dort kennengelernt haben, sind uns gute Freunde geworden. So gut, daß uns der Abschied wirklich schwer fiel. Berichte, die ich vor meinem Urlaub über Ölüdeniz gelesen habe und die von rücksichtslosem Verhalten der Tandemteams berichteten, kann ich in keinster Weise bestätigen. Wir sind dort Gäste, und wenn wir uns so benehmen, werden wir herzlichst willkommen sein.

Für meine Familie und mich steht fest, daß wir im nächsten Jahr wieder nach Ölüdeniz fahren werden, um gute Freund wiederzusehen und viel Spaß zu haben.

Andreas Geuss Email an den Autor, gebe gerne weitere Informationen.

 

 

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Stand: 17. Dezember 2004